Die Autoren

Malgorzata Bartula, geboren 1962 in Warschau, Studium der Neueren deutschen Literatur und Philosophie in Warschau, Berlin und Duisburg, ist seit 1994, zuerst als Assistentin der Dramaturgie und Leiterin des Schulreferats, Mitarbeiterin im Theater an der Ruhr. 1997 gründet sie das Junge Theater an der Ruhr, das sie bis zum Ende der Spielzeit 1999/2000 leitet. In der Spielzeit 2000/2001 ist sie Regiemitarbeiterin von Roberto Ciulli.

Stefan Schroer, geboren 1970 in Essen, Studium der Germanistik und Philosophie in Düsseldorf, war 1996/1997 Regiehospitant am Theater an der Ruhr. 1999 gründet er die Theater an der Ruhr - Internetzeitung Kollaps. Seit 2000 Arbeit an seiner Dissertation zu interkultureller Philosophie und interkulturellem Theater.

 

Rezensionen

Buchbesprechung von Ingo Toben

Auszug aus dem ersten Kapitel des Buches:

Malgorzata Bartula und Stefan Schroer

ÜBER IMPROVISATION

Neun Gespräche mit Roberto Ciulli

 

Erstes Gespräch.

Freiheit im Gefängnis

Malgorzata Bartula: Wie entdeckt man Improvisation? Mit Blick auf Ihren ganzen Weg im Theater — ist es ein bestimmtes Erlebnis, ist es eine Einsicht? Kann man das schon als Zwanzigjähriger oder muß man älter sein? Ist es die Frage, wie ein philosophischer, kategorisierender, bestimmender Verstand sich selbst ausschöpfen muß, damit man zu einem neuen Land, zu etwas, das unbekannt, unbestimmt ist, durchdringt?
Roberto Ciulli: Zunächst einmal glaube ich, daß man einen Fehler begeht, wenn man Improvisation als etwas versteht, das nur das Theater betrifft. So gedacht, bedeutet "Schauspielerimprovisation" nur eine gewisse Freiheit in den ersten Proben, die der Schauspieler bei der Erstellung einer Szene hat. Improvisation hat aber vielmehr mit dem Leben und mit dem Menschen zu tun. Man kann es zum Theater ableiten, aber zunächst ist Improvisieren etwas, das im Leben passiert, keine theaterspezifische Methode. Der Mensch improvisiert ständig. Wir improvisieren auch jetzt. Von Satz zu Satz.
Malgorzata Bartula: Was kommt, was mich überrascht?
Roberto Ciulli: Und wie Sie reagieren. Ob Sie jetzt lachen oder nicht. Es ist unmöglich, von den nächsten drei Minuten zu wissen, was sie sein werden. Du weißt bestimmte Dinge, aber der Raum der Improvisation im Tag eines Menschen ist ungleich größer. Sogar wenn es Routine ist, was du tust und man sagen könnte, du habest keinen Freiraum zu improvisieren — genau da merkst du, daß auch hier Improvisation stattfindet. Du machst jeden Morgen dasselbe und doch nicht dasselbe. Du führst dieselben Handlungen aus, aber es ist anders. Auch bei einer ungeheuer präzisen, schon vorgegebenen Handlung improvisierst du. Und genau das ist das Interessante.
Malgorzata Bartula: Die Routine ist das Wiederholen von bekannten Abläufen.
Roberto Ciulli: Ja, du weißt, jeden Morgen beginnt derselbe Ablauf des Tages, aber im Innern dieses Ablaufs hast du ein Stück von Freiheit, das die Qualität des Alltags verändert.
Malgorzata Bartula: Eines Tages setze ich die Kaffeetasse zwei cm weiter ab als bisher?
Roberto Ciulli: Improvisation bedeutet nicht, die Handlung zu verändern. Das könnte sein, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Es ist die Empfindung, die anders ist. Es geht nicht darum, die Stellung der Tasse zu verändern, sondern darum, daß in solchen routinierten Handlungen die Qualität der Empfindungen sich verändert.
Malgorzata Bartula: Wir werden in der Regel dazu angehalten, bekannte Abläufe und Verabredungen zu reproduzieren. Man kann sagen, es herrscht so etwas wie ein Gebot des Bekannten, des routiniert Wiederholten. Und es herrscht ein Verbot des Unbekannten. Dadurch hält sich diese Gesellschaft in ihrer Ordnung. Insofern ist das, was Sie ansprechen, der Moment einer Übertretung.
Roberto Ciulli: Es ist ein Moment der Freiheit. Wir sind in einem Gefängnis, insofern wir aus bestimmten Handlungen nicht ausbrechen können. Auch auf dem minimalsten Raum sind wir in einem Gefängnis. Und Improvisation ist nicht die Veränderung des Gefängnisses. Den nächsten Flug nach Tahiti zu nehmen ist keine Improvisation, das ist ein Ausbruch. Improvisation betrifft nur die Qualität der Empfindung, die Veränderung, die in mir passiert in der täglichen Wiederholung des Bekannten. Das ist Improvisation.
Stefan Schroer: Sie beschreiben einen Bewußtseinszustand gegenüber den eigenen Handlungen. Weiter gefaßt hieße das nicht eine veränderte Lebensweise, sondern eine veränderte Haltung zum unveränderten Leben.
Roberto Ciulli: Ja, und das veränderte Bewußtsein gegenüber den Handlungen führt im guten Fall — ich spreche vom Leben, aber es gibt eine Parallelität zum Theater — zur Entdeckung der Freiheit im Gefängnis. Dadurch wird der Mensch bewußter und die Lebensqualität in den vorgegebenen Handlungszusammenhängen wird größer. Deswegen ist Improvisation auch im Leben ein Weg zur Selbsterkenntnis, zum Bewußtsein des persönlichen Reichtums. Improvisation ist ein Weg, zu einem seiner selbst bewußten Menschen zu werden.
Malgorzata Bartula: Die Veränderung der Empfindung, auch bei wiederholten, bekannten Handlungen, eine veränderte, intensive Empfindung hat eine Tat zur Folge, eine Handlung. Irgendwann einmal sprengt sie dann auch das Gefängnis.
Roberto Ciulli: Das könnte sein. Man bekommt eine Souveränität gegenüber den Handlungen. Die Handlungen werden immer unwichtiger, denn man entdeckt, es ist nicht die Handlung, die mich bestimmt, sondern ich bestimme die Handlung. Dann kann ich mich entscheiden, ob ich das Gefängnis sprengen will oder nicht; auf jeden Fall aber gewinne ich eine höhere Freiheitsempfindung. Ich glaube, das Wichtigste an der Freiheit, ob im Gefängnis oder nicht, ist ihre Empfindung. In der Schachnovelle beschreibt Stefan Zweig die Befreiung eines Menschen innnerhalb einer unmöglichen Situation. Durch Improvisation mit dem Schachspiel wird der Mensch Herr dieser Situation. Es ist ein Unterschied, ob du eine Handlung als Herr ausführst oder dieselbe Handlung als Knecht. Die Improvisation beschreibt nur eine subjektive Veränderung der Welt. In diesem Zusammenhang ist es unwichtig, ob jemand die Mauern sprengt oder nicht.
Malgorzata Bartula: Ist das Ihr Weg gewesen, eines Theatermachers, mit der Betonung auf den Macher? Ist die Improvisation in dem Sinne, wie Sie sie beschreiben, erst mit der Zeit wichtig geworden? Haben Sie angefangen, sie so mit Schauspielern zu betreiben, als Sie eingesehen haben, wie unwichtig das Machen ist?
Roberto Ciulli: Ja. Die Handlung ist austauschbar. Das ist das Schöne am Schauspielersein, das ist das Schöne am Spielen. Auch wenn man sie braucht, die Handlung ist völlig austauschbar, die Empfindung aber nicht. Deswegen arbeite ich im Theater nicht mehr mit Blick auf die Handlung. Ich finde es dumm, Handlungen zu inszenieren, und ebenso dumm sind Schauspieler, die nur Handlungen ausführen. Aber man muß eine haben, d.h. man braucht einen Rahmen. Eine Inszenierung ist ein Gefängnis, eigentlich. Du mußt diesen abgesteckten Raum schaffen. Aber Theater hat den Vorteil gegenüber dem Leben, daß du dort Handlungen wieder wegwerfen kannst, das ist das Schöne. Trotzdem gibt es Regisseure, die wie Dompteure die Schauspieler in Richtung einer Handlung drillen und sich nicht die Freiheit nehmen, ihre Einfälle wegzuwerfen. Zuletzt aber ist das Ziel nicht, andauernd und immer wieder Handlungen wegzuwerfen, das wäre genauso dumm. Aber einzusehen, daß sie austauschbar sind. Dann kannst du dich für eine Handlung entscheiden und versuchen, sie in den Griff zu bekommen. Und den ungeheuren Reichtum an Freiheit darin zu ergreifen, dieselbe Geste zu wiederholen, die aber immer anders ist, unähnlich.