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Auszug aus dem ersten Kapitel des Buches:
Malgorzata Bartula und Stefan Schroer
ÜBER IMPROVISATION
Neun Gespräche mit Roberto Ciulli
Erstes Gespräch.
Freiheit im Gefängnis
Malgorzata Bartula: Wie entdeckt man Improvisation? Mit Blick auf Ihren ganzen Weg im Theater ist es
ein bestimmtes Erlebnis, ist es eine Einsicht? Kann man das schon als Zwanzigjähriger oder muß man älter
sein? Ist es die Frage, wie ein philosophischer, kategorisierender, bestimmender Verstand sich selbst ausschöpfen
muß, damit man zu einem neuen Land, zu etwas, das unbekannt, unbestimmt ist, durchdringt?
Roberto Ciulli: Zunächst einmal glaube ich, daß man einen Fehler begeht, wenn man Improvisation
als etwas versteht, das nur das Theater betrifft. So gedacht, bedeutet "Schauspielerimprovisation" nur eine
gewisse Freiheit in den ersten Proben, die der Schauspieler bei der Erstellung einer Szene hat. Improvisation hat
aber vielmehr mit dem Leben und mit dem Menschen zu tun. Man kann es zum Theater ableiten, aber zunächst ist
Improvisieren etwas, das im Leben passiert, keine theaterspezifische Methode. Der Mensch improvisiert ständig.
Wir improvisieren auch jetzt. Von Satz zu Satz.
Malgorzata Bartula: Was kommt, was mich überrascht?
Roberto Ciulli: Und wie Sie reagieren. Ob Sie jetzt lachen oder nicht. Es ist unmöglich, von den nächsten
drei Minuten zu wissen, was sie sein werden. Du weißt bestimmte Dinge, aber der Raum der Improvisation im Tag
eines Menschen ist ungleich größer. Sogar wenn es Routine ist, was du tust und man sagen könnte, du
habest keinen Freiraum zu improvisieren genau da merkst du, daß auch hier Improvisation stattfindet.
Du machst jeden Morgen dasselbe und doch nicht dasselbe. Du führst dieselben Handlungen aus, aber es ist anders.
Auch bei einer ungeheuer präzisen, schon vorgegebenen Handlung improvisierst du. Und genau das ist das Interessante.
Malgorzata Bartula: Die Routine ist das Wiederholen von bekannten Abläufen.
Roberto Ciulli: Ja, du weißt, jeden Morgen beginnt derselbe Ablauf des Tages, aber im Innern dieses
Ablaufs hast du ein Stück von Freiheit, das die Qualität des Alltags verändert.
Malgorzata Bartula: Eines Tages setze ich die Kaffeetasse zwei cm weiter ab als bisher?
Roberto Ciulli: Improvisation bedeutet nicht, die Handlung zu verändern. Das könnte sein, aber
das ist nicht der entscheidende Punkt. Es ist die Empfindung, die anders ist. Es geht nicht darum, die Stellung der
Tasse zu verändern, sondern darum, daß in solchen routinierten Handlungen die Qualität der Empfindungen
sich verändert.
Malgorzata Bartula: Wir werden in der Regel dazu angehalten, bekannte Abläufe und Verabredungen
zu reproduzieren. Man kann sagen, es herrscht so etwas wie ein Gebot des Bekannten, des routiniert Wiederholten. Und
es herrscht ein Verbot des Unbekannten. Dadurch hält sich diese Gesellschaft in ihrer Ordnung. Insofern ist das,
was Sie ansprechen, der Moment einer Übertretung.
Roberto Ciulli: Es ist ein Moment der Freiheit. Wir sind in einem Gefängnis, insofern wir aus bestimmten
Handlungen nicht ausbrechen können. Auch auf dem minimalsten Raum sind wir in einem Gefängnis. Und Improvisation
ist nicht die Veränderung des Gefängnisses. Den nächsten Flug nach Tahiti zu nehmen ist keine Improvisation,
das ist ein Ausbruch. Improvisation betrifft nur die Qualität der Empfindung, die Veränderung, die in mir
passiert in der täglichen Wiederholung des Bekannten. Das ist Improvisation.
Stefan Schroer: Sie beschreiben einen Bewußtseinszustand gegenüber den eigenen Handlungen. Weiter
gefaßt hieße das nicht eine veränderte Lebensweise, sondern eine veränderte Haltung zum unveränderten
Leben.
Roberto Ciulli: Ja, und das veränderte Bewußtsein gegenüber den Handlungen führt im guten
Fall ich spreche vom Leben, aber es gibt eine Parallelität zum Theater zur Entdeckung der Freiheit
im Gefängnis. Dadurch wird der Mensch bewußter und die Lebensqualität in den vorgegebenen Handlungszusammenhängen
wird größer. Deswegen ist Improvisation auch im Leben ein Weg zur Selbsterkenntnis, zum Bewußtsein
des persönlichen Reichtums. Improvisation ist ein Weg, zu einem seiner selbst bewußten Menschen zu werden.
Malgorzata Bartula: Die Veränderung der Empfindung, auch bei wiederholten, bekannten Handlungen, eine
veränderte, intensive Empfindung hat eine Tat zur Folge, eine Handlung. Irgendwann einmal sprengt sie dann auch
das Gefängnis.
Roberto Ciulli: Das könnte sein. Man bekommt eine Souveränität gegenüber den Handlungen.
Die Handlungen werden immer unwichtiger, denn man entdeckt, es ist nicht die Handlung, die mich bestimmt, sondern
ich bestimme die Handlung. Dann kann ich mich entscheiden, ob ich das Gefängnis sprengen will oder nicht; auf
jeden Fall aber gewinne ich eine höhere Freiheitsempfindung. Ich glaube, das Wichtigste an der Freiheit, ob im
Gefängnis oder nicht, ist ihre Empfindung. In der Schachnovelle beschreibt Stefan Zweig die Befreiung
eines Menschen innnerhalb einer unmöglichen Situation. Durch Improvisation mit dem Schachspiel wird der Mensch
Herr dieser Situation. Es ist ein Unterschied, ob du eine Handlung als Herr ausführst oder dieselbe Handlung
als Knecht. Die Improvisation beschreibt nur eine subjektive Veränderung der Welt. In diesem Zusammenhang ist
es unwichtig, ob jemand die Mauern sprengt oder nicht.
Malgorzata Bartula: Ist das Ihr Weg gewesen, eines Theatermachers, mit der Betonung auf den Macher?
Ist die Improvisation in dem Sinne, wie Sie sie beschreiben, erst mit der Zeit wichtig geworden? Haben Sie angefangen,
sie so mit Schauspielern zu betreiben, als Sie eingesehen haben, wie unwichtig das Machen ist?
Roberto Ciulli: Ja. Die Handlung ist austauschbar. Das ist das Schöne am Schauspielersein, das ist das
Schöne am Spielen. Auch wenn man sie braucht, die Handlung ist völlig austauschbar, die Empfindung aber
nicht. Deswegen arbeite ich im Theater nicht mehr mit Blick auf die Handlung. Ich finde es dumm, Handlungen zu inszenieren,
und ebenso dumm sind Schauspieler, die nur Handlungen ausführen. Aber man muß eine haben, d.h. man braucht
einen Rahmen. Eine Inszenierung ist ein Gefängnis, eigentlich. Du mußt diesen abgesteckten Raum schaffen.
Aber Theater hat den Vorteil gegenüber dem Leben, daß du dort Handlungen wieder wegwerfen kannst, das ist
das Schöne. Trotzdem gibt es Regisseure, die wie Dompteure die Schauspieler in Richtung einer Handlung drillen
und sich nicht die Freiheit nehmen, ihre Einfälle wegzuwerfen. Zuletzt aber ist das Ziel nicht, andauernd und
immer wieder Handlungen wegzuwerfen, das wäre genauso dumm. Aber einzusehen, daß sie austauschbar sind.
Dann kannst du dich für eine Handlung entscheiden und versuchen, sie in den Griff zu bekommen. Und den ungeheuren
Reichtum an Freiheit darin zu ergreifen, dieselbe Geste zu wiederholen, die aber immer anders ist, unähnlich.
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