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Marvin Chlada/Jochen Zimmer
Kritische Theorie in der Provinz
"Es ist in der Tat schwer, sich gegen die Gesellschaft zu engagieren und dabei zu verhindern, als ihr Hofnarr
von ihr engagiert zu werden."
(Fritz Lamm)
Der Titel des Buches knüpft an eine ironische Selbstbeschreibung des Marburger Soziologen Heinz Maus aus den
60er Jahren an, er betreibe Kritische Theorie in der Provinz. Maus, der zusammen mit dem marxistischen Wirtschaftstheoretiker
und -historiker Werner Hofmann die Soziologie an der Philipps-Universität aufgebaut hatte, war damals mit Friedrich
Fürstenberg in Linz Herausgeber der Soziologischen Texte, der Darmstädter Taschenbuchreihe, die von Herbert
Marcuse bis Georg Lukács an Marx anschließende Gesellschaftstheorie vorsätzlich und systematisch
in die westdeutsche sozialwissenschaftliche Diskussion einbrachte, aber auch vom logischen Empirismus des Wiener Kreises
beeinflußte Modernisierer der quantitativen Empirie wie Paul F. Lazarsfeld aus den USA reimportierte.
Heinz Maus oder Kritische Theoriebildung abseits von
Frankfurt am Main
Heinz Maus, 1911 in Uerdingen am linken Niederrhein geboren und aufgewachsen, machte nach dem Abitur zunächst
in Mülheim/Ruhr eine Buchhändlerlehre, um zum Studium über den Irrweg Köln ans Frankfurter
Institut für Sozialforschung zu kommen. Der junge Soziologe emigriert 1933 nicht, sondern arbeitet weiter an
marxistisch-ideologiekritischer Theoriebildung in Deutschland. Er promoviert in Kiel mit einer Arbeit über Arthur
Schopenhauer, Kritik am Justemilieu. Unerlaubte jüdische und marxistische Literatur wird darin mit Wissen der
Beteiligten an der Fakultät durch zusammenhanglose Verweise auf NSDAP-Parteitage oder systemkonforme Soziologen
wie Arnold Gehlen oder Hans Freyer getarnt. Maus kommt zeitweise bei der UfA unter, wird zweimal wegen seiner Kontakte
zum Widerstandskreis um Ernst Niekisch verhaftet und überlebt dann im besetzten Oslo als Sozialforscher am Institut
für Gesellschaftsordnung und Arbeitswissenschaften. Nach Kriegsende versucht Max Horkheimer, mit dem Maus auch
von Oslo aus kontinuierlich Kontakt nach Südkalifornien gehalten hatte, ihn nach Frankfurt an das wiedereröffnete
Institut für Sozialforschung zu holen. Maus geht jedoch zunächst zu Niekisch nach Berlin. Erst 1951, als
der Raum für kritisch-materialistische Soziologie in der DDR immer enger wird, folgt er Horkheimer als Assistent
nach Frankfurt. Berufliche Karriere ist dort allerdings für den inzwischen Vierzigjährigen nicht zu machen.
Ebenso wie sein Nachfolger Habermas zur Habilitation zu dem marxistischen Juristen und Politologen Wolfgang Abendroth
nach Marburg gehen muß, ist es auch bei Maus Abendroth, der ihn zunächst als Dozenten an das Pädagogische
Institut in Weilburg/Lahn empfiehlt und 1959 dann als Ordinarius an die Philipps-Universität vermittelt.
Zusammen mit Hofmann wird Maus Initiator der akademischen Initiativen gegen obrigkeitsstaatliche Formierungsversuche
unter Bundeskanzler Ludwig Erhard und gegen die von der SPD mitgetragenen Notstandsgesetze. Beide Marburger Soziologen
sind damals mit ihrer Politikberatung (etwa dem Gutachten Notstandsordnung und Gesellschaft in der Bundsesrepublik
für die IG Metall) und ihren Einwürfen wie Marxismus und Existenzialismus, Romantischer Faschismus (Maus)
oder Stalinismus und Antikommunismus und Abschied vom Bürgertum (Hofmann) so etwas wie die "organischen Intellektuellen"
(Antonio Gramsci) der auf politische Intervention drängenden linken Studenten und Gewerkschafter der 60er Jahre.
Fast zwei Jahrzehnte bleibt Marburg die Hochburg der kommunistischen und gewerkschaftlich orientierten Studentenbewegung.
Wie in Marburg entsteht mit etwa einem Jahrzehnt Abstand auch in Hannover um Oskar Negt, Peter von Oertzen, Johannes
Agnoli und Michael Vester eine weitere plurale Fortentwicklung Kritischer Theorie, die bis heute die materialistische
Ideologiekritik der Frankfurter Schule unter den Bedingungen von Postfordismus und anhaltender autoritären Transformation
der Demokratie aktualisiert und empirisch unterfüttert.
Frankfurter Mythen
Die Erinnerung an Heinz Maus verweist aber nicht nur darauf, daß die Selbstkritik der Aufklärung und ihre
ständige Auseinandersetzung mit dem Positivismus sich von Frankfurt in die Provinz verlagerte: Die Sinnlichkeit
der Anschauung der Klassengesellschaft, die für Theodor W. Adorno noch der Schlüssel einer an Marx anschließenden
Gesellschaftstheorie war, ist heute in Frankfurt durch die Bankentürme anscheinend verstellt. Maus' Beitrag zur
Kritischen Theorie im Deutschland der Nazizeit macht auch auf Löcher in der liebgewonnenen Legende vom kollektiven
Exil der Institutsmitglieder aufmerksam. Wie Maus emigrierte auch der Lehrbeauftragte Hendrik de Man nicht. Er war
der erste Sekretär der Sozialistischen Jugendinternationale und ein charismatischer Lehrer. Zur Aufführung
seines Chorwerkes Wir! kamen 1932 über 20.000 begeisterte Zuschauer in die Frankfurter Festhalle. Nach 1933 ging
er in seine flämische Heimat zurück, wo er als klirrender Vordenker eines modernen Faschismus und Parteiführer
unter dem deutschen Besatzungsregiem Karriere machte. Ihn zwingt erst die Befreiung Belgiens durch die Alliierten
in's schweizer Exil.
Womit wir wieder in der Provinz als freiwillig oder unfreiwillig gewählter geographischer oder theoretischer
Heimat angelangt wären. Im letzteren Sinn zumindest versammelt der vorliegende Band Kritische Theorie zwischen
St. Tropez und Duisburg, Paris und Berlin.
Kritische Theorie in der Provinz Ein Überblick
"Aufklärung", so Heinz Maus, "ist gegen den Henker, auch wenn er sich fortgeschrittener Methoden
bedient, sie will nichts verklären, es kommt ihr wirklich auf's Glück der Individuen in einer befreiten
Gesellschaft an. Es wäre das Ende des Schreckens, den Menschen sich selber antun." In diesem Sinne versammelt
Kritische Theorie in der Provinz Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen (von der Volkskunde und Pornographie
über Esoterik und Walser-Debatte bis Fußball und Pop), deren Gewichtung neben den Herausgebern auch der
Zufall (mit)bestimmte. Daß im Gegensatz zur gegenwärtig in Frankfurt/Main verwalteten, be- und vertriebenen
Kritischen Theorie, diese in der Provinz nicht notwendig provinziell sein muß, versteht sich von selbst. Einzig
der Übersicht wegen, wurden die Texte jenseits der pluralen Ansätze nach Schwerpunkten sortiert.
Der erste Teil The medium is the message? widmet sich der Kulturindustrie. Martin Büsser setzt sich mit dem
Sieg einer als universal verstandenen Popkultur auseinander und diskutiert das Verhältnis von populärem
Mainstream und Kulturindustrie. Im zweiten Beitrag bringt uns der Simulations- und Verführungstheoretiker Jean
Baudrillard das Wesen der Obszönität nahe. Mit (traditioneller) Kritischer Theorie hat der ehemalige Herausgeber
der Zeitschrift Utopie freilich wenig am Hut. Baudrillards Ansatz läßt sich eher als eine Art Fortsetzung
kritischer Theoriebildung mit anderen Mittel lesen. Seine Thesen über den Porno lohnen der mehrmaligen Lektüre
Heinz Maus, leidenschaftlicher Sammler von Erotika, hätte seine Freude daran gehabt. Im dritten Beitrag
führen uns Stefan Fishan und Wolfgang Haible durch die Welt der sog. neuen Medien. Indem sie die Brechtsche Radiotheorie
auf das Internet übertragen, fragen sie nach dessen möglichen subversiven Gehalt und Gebrauch.
Im zweiten Teil Anything goes? dreht sich alles um die "Welt als Wille und Design" (Robert Kurz) bzw. den
"eleganten Unsinn" (Alan Sokal/Jean Bricmont), kurz: die Postmoderne. In seiner "Ausschlachtung"
überprüft Daniel Loik die postmodernen Theorien im Hinblick auf ihre Tauglichkeit für eine emanzipationswütige
Praxis. Michael Schmidt-Salomon geht einen Schritt weiter und bereitet den Boden für eine zeitgenössische
Theorie der Neomoderne.
Der dritte Teil Losing my religion? widmet sich der Religion als dem Wehrhaftigen gegen das Menschliche: der "positiven
Ideologie" (Auguste Comte) schlechthin. Während Marvin Chlada dem frommen Max Horkheimer ein wenig auf die
Füße tritt, zeigt Gunnar Schedel, weshalb es sich bei der Esoterik um ein Gegenmodell zu Vernunft und Kritik
handelt. In das Reich Satans wagen sich Marvin Chlada und Bernd Kalus. Sie berichten aus der Welt des seit den 1980ern
in den Medien immer wieder breitgetretenen "Jugendokkultismus" und über die Rolle Aleister Crowleys,
dem eigentlichen Superstar der (okkulten) Pop- und Gegenkultur.
Im vierten Teil Der Ball ist rund? geht es etwas profaner zu. Gerd Dembowski schildert seine Erfahrungen aus der
Fußballprovinz. Dabei erklärt er uns, warum Kicken noch immer Männersache ist und bleiben wird. Marvin
Chlada wirft einen Blick auf den Zusammenhang von Fußball und Nationalismus. In zwei weiteren Beiträgen
rekonstruieren Jochen Zimmer und Gerd Dembowski die Anfänge und Abgründe der Duisburger Fanprojekt-Arbeit
und liefern so einen Bericht über das verlockende Elend der sozialen Arbeit mit rechten Fußballfans.
Im fünften Teil Moralkeule? bleiben wir vorerst in Duisburg, wo Martin Walser an der Universität seine
revisionistische Paulskirchenrede verteidigte. Benno Nothardt, der für die damals am AstA beteiligte Linke Liste
eine Rede gegen Walsers romantischen Nationalismus hielt, dokumentiert die Ereignisse. Im folgenden Beitrag blickt
Reinhold Riedel in die Vergangenheit. Er erinnert an das Leben und Werk des jüdischen Reformpädagogen Theodor
Rothschild, der 1944 im KZ Theresienstadt ums Leben kam. Der letzte Beitrag dieser Gruppe stammt aus der Feder von
Heinz Maus und behandelt den Einfluß der nationalsozialistischen Ideologie auf die deutsche Volkskunde, demjenigen
Zweig der Sozial- und Kulturwissenschaften, der noch am ehesten eine gewisse nonkonformistische Distanz zum NS-Staat
bewahrt hatte.
Wer vom Faschismus spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen: Im letzten Teil Risikogesellschaft? steht der
gegenwärtige Kapitalismus zur Debatte. Wolfgang Haible berichtet von einer "Maßnahme" (Bert Brecht)
des Arbeitsamtes. Über das Elend der Arbeitslosigkeit und seiner Darstellung hinaus, läßt Haibles
Text erahnen, was in der schönen neuen Welt der Marktwirtschaft uns allen blüht und welche Formen der Herrschaftstechnik
es sein werden, derer sie sich bedient. Auch Thomas Rommelspacher wagt im vorletzten Beitrag einen Blick in die Zukunft.
Er widmet sich den Anforderungen an regionale Stadtentwicklung in Ballungsräumen im Zeichen restriktiver Zuwanderungspolitik.
Am Ende der Kritische Theorie in der Provinz steht ein Interview mit Brigitte Bardot aus dem Jahr 1969. Wie so viele
links codierte Popstars der alten Neuen Linken inzwischen ebenso tierlieb wie national, darüber hinaus rechtskräftig
wegen Anstiftung zum Rassenhaß verurteilt und zur Ikone der rechten Szene aufgestiegen, redet Bardot hier noch
der großen Weigerung, die uns gegenwärtig ja wirklich fehlt, das Wort. In diesem anachronistischen Sinne
sind ihre Ausführungen aktueller denn je. Bardots Kritik der Gesellschaft und ihre Aufforderung, dem falschen
Ganzen zu widerstehen, bedarf auch im neuen Jahrzehnt keiner Änderung.
Freilich kann von Praxis noch keine Rede sein; noch scheint es weniger explosives Pulver als alter Staub zu sein,
den die Kritische Theorie aufwirbelt. Der Marsch hin zu dem Tag, an dem die Paläste brennen, um die "Burn
Down Babylon-Rhetorik" (Linton Kwesi Johnsons) zu bemühen, scheint seit 1989 länger und länger
zu werden. Bis dahin halten wir es mit den Worten des Ich-Erzählers aus dem Roman Ausweitung der Kampfzone von
Michel Houellebecq: "Vielleicht, so sage ich mir, wird mich der Aufenthalt in der Provinz auf andere Gedanken
bringen; wahrscheinlich zwar in einem negativen Sinn, aber er wird mich auf andere Gedanken bringen. Wenigstens wird
es eine Veränderung geben, einen Sprung."
Capalbio, Duisburg am Rhein, Esslingen am Neckar und Vogorno,
März 2000
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